Wirf Deine Angst in die Luft

Fragen, Ängste, und wie man damit umgehen kann.

Wirf Deine Angst in die Luft

Beitragvon wered » 29 Mai 2009 21:55

Vor der Krebsdiagnose
vor fast drei Jahren dachte ich,
trift es dich,
wirst du große Angst haben.
Es hat mich getroffen

Heute empfinde ich meine Angst,
gemessen an meiner Wut,
aber vergleichsweise als eher gering.

Als ich einem Freund von einem möglichen
Rezidiv erzählte meinte er trocken:
du stirbst doch so wie so.
Erst war ich unglaublich sauer-
Idiot-dachte ich.
Aber er hat ja recht.

Dennoch ist Angst ein Thema.

Und wenn ich mir erlaube das Forum 'Angst' zu eröffnen
mit dem folgenden Gedicht
meine ich nicht wir armen Kranken sollten uns auf ein baldiges Ende einstellen,
sondern ganz im Gegenteil
auf ein Leben indem nichts fehlt,
auf ein Leben in diesem Augenblick, im

JETZT!



WIRF DEINE ANGST
IN DIE Luft
BALD
IST DEINE ZEIT UM
BALD
WÄCHST DER HIMMEL
UNTER DEM GRAS
FALLEN DEINE TRÄUME
INS NIRGENDS
NOCH
DUFTET DIE NELKE
SINGT DIE DROSSEL
NOCH DARFST DU LIEBEN
WORTE VERSCHENKEN
NOCH BIST DU DA

SEI WAS DU BIST
GIB WAS DU HAST.

Rose Ausländer
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Re: Wirf Deine Angst in die Luft

Beitragvon cessna » 30 Mai 2009 14:07

Liebe(r?) wered,

zweiter Versuch, meine erste Antwort (wegen Zeitüberschreitung/Serverfehler??) im Cybernirvana verschwunden. Vielleicht ganz gut, dann kürzer:

Danke, dass Du das Angstforum eröffnet hast, ich dachte schon, ich sei die einzige, die Ängste hat. Du hast ein schönes Bildgedicht gewählt "Angst in die Luft werfen", ich mache manchmal "Urlaub vom Krebs" = weniger Angst - mehr Autonomie.
Chapeau, wie Du die Aussage Deines Freundes "Du stirbst so wie so" genommen hast! Er könnte ja auch krebsfrei und unverschuldet tödlich verunfallen.

Angst gehört doch dazu, und ist auch ein Motor des in Entwicklung gerichteten Denkens und Handelns (z. B. Homo erectus vor 700 000 Jahren Feuer gezähmt aus Angst vor wilden Tieren - ich freue mich heute noch über diese Erfindung, man kann so schöne Sachen kochen).

Als Patienten mit einer Prognose, die unweigerlich zum Nachdenken über die eigene Vergänglichkeit, Todesängste mit Ausgeliefertsein etc. - eben den Verlust der Autonomie - führt, würde ich das Forum Angst gerne auch unter dem Aspekt Motor sehen. Für viele haben sich doch neue Facetten der Lebensbetrachtung aufgetan. Ich will das nicht als "Gewinn" schönreden. Es ist einfach gräßlich, morgens aufzuwachen, sich gut zu fühlen und, spätestens beim Espresso zu denken: "ich habe Krebs, ich werde in absehbarer Zeit sterben".

Dir vielen Dank, alles Gute für Dich
LG cessna
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700 000 Jahre Feuer

Beitragvon wered » 30 Mai 2009 15:17

Liebe Cessna,

Dein Beispiel fand ich Klasse!
Ich habe mich köstlich amüsiert.
Ich nehme an Du kochst gern.

Mit dem Potenzial welches in der Angst steckt bzw. zurückgehalten wird
beschäftige ich mich schon sehr lange.
Mit den eigenen und den Ängsten anderer Menschen
Interessant finde ich Deine Definition:
"ein Motor des in Entwicklung gerichteten Denkens und Handeln"
war es nicht Freud der gesagt hat, "da wo die Angst ist
geht es lang."

Ich versuche die bedrohliche Situation zu wandeln.
Endlich, endlich die Dinge anzugehen die ich immer wieder
hinausschiebe.Viele jahrzehnte lang.
Und das macht mir große Angst.

Die Zeitspanne zwischen erwachen und Kaffee erlebe ich ähnlich wie Du.
Wie machst Du dass "Urlaub vom Krebs?"

Ich versuche die Erkrankung nicht zu verdrängen.
Da bin ich tapfer.
Ich möchte mich auch nicht hineinsteigern.
Das kann leicht passieren.

Cessna-
hier ist es so kühl dass ich noch einmal den Ofen mit Holz füllen werde
entzünde ich es
werde ich an Dich denken.

Alles Gute

wered

wered ist ein Mann. Ich habe vor mich weiter ober "Wer bin ich" (wenn ich das nur so genau wüsste)noch vorzustellen.
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Re: Wirf Deine Angst in die Luft

Beitragvon cessna » 31 Mai 2009 01:37

Lieber wered,

danke für Deine Antwort und Denkanregung, Ja,ich koche gern, lese gern (Schrift entstanden vor ca. 5500 Jahren u.a. aus Angst, dass man beim Handeln über den Tisch gezogen wird - mir werden noch viele Beispiele einfallen).

Dein Zitat "da wo die Angst ist geht es lang" wäre eine passende Überschrift für das Forum Angst. Freud-Zitat nicht ad hoc gefunden.

"Dinge anzugehen, die man immer wieder hinausschiebt". Hinausschieben konnte, weil man dachte, man lebt ewig oder zumindest noch sehr lange.
Zack, und schon hat man wieder eine neue Angst. Schaffe ich das? Will ich das? Was ist wichtig? Entscheidungen Entscheidungen ...und und und

Mit "Urlaub" erlaube ich mir eine naive Leichtigkeit, mal nicht an meine Erkrankung zu denken.

Eine Verdrängung der Krankheit kann es ohnehin nicht geben, erfordert es nicht eher mehr Energie, die Krankheit und alles damit Verbundene nicht zu groß werden zu lassen?

Ich kann dies leicht so schreiben, weil ich momentan keine körperlichen Gebrechen habe oder in Chemotherapie bin. Ich weiß, wie elend man sich fühlen kann und wie man ausgeliefert ist, wenn man zum aus dem Bett steigen eine Krankenschwester rufen muss.

Da ist doch die dunkle Stunde daheim am Morgen dazu da, sich vor Augen zu führen, dass man (zumindest vordergründig) entscheiden könnte, wo es heute lang geht. Die Krankenschwester zum Aufstehen hat man ja nicht mal gebraucht. Im "Urlaub", stecke ich die Angst dann in den Kühlschrank (erfunden aus Angst, die mühsam ergatterten Lebensmittel würden verderben) oder in die Waschmaschine, Spülmaschine - irgendeinen geschlossenen Kleinraum (mit meiner Digitalkamera gehts auch). Ich bin vielleicht zu spielerisch, aber mir hilft es. Die Tragik schwebt immer über einem und die Endlichkeit des Lebens ist doch für alle garantiert.

Hineinsteigern - geht sehr schnell und leicht. Das Schrecklichste sich noch schrecklicher ausmalen. Je intelligenter, desto schneller und intensiver kommt man im schwarzen Keller an. Bitte gegensteuern!

Z. B. mit einem warmen Feuer, lege doch ein paar Scheite nach, damits schön warm wird

Alles Gute Dir
liebe Grüße cessna
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Re: Wirf Deine Angst in die Luft

Beitragvon dtroestler » 31 Mai 2009 12:20

Liebe Cessna und Wered,

vielen Dank für diese, für meine Hirnzellen, anregende Diskussion.
Während meiner Bakkalaureats-Arbeit habe ich mich intensiv mit Paul Celan befasst, der das Thema Angst nahezu zelebrierte, aus Angst tausende Gedichte geschrieben und dann auch den Freitod wählte. Angst war seine treuste Freundin und Tod, Trauer, Melancholie, Schwarz, Nacht, Schicksal und Schmerz seine Leitmotive, in jedem Gedicht steckt dieses tiefe Unglück, das spürte und spüre ich deutlich aus seiner Arbeit. Ich habe ein schönes für euch gefunden und aufgeschrieben:

SCHWARZ,
wie die Erinnerungswunde,
wühlen die Augen nach dir
in dem von Herzzähnen hell-
gebissenen Kronland,
das unser Bett bleibt:

Durch diese Schacht mußt du kommen-
du kommst.

Im Samen-
sinn
sternt dich das Meer aus, zuinnerst, für immer.

Das Namengeben hat ein Ende,
über dich werf ich mein Schicksal.


Ohne, dass Celan Angst hätte, könnte er niemals diese Gedichte schreiben, also ist Angst wirklich, die treibende Kraft.

Übrigens, ich mache jetzt auch Urlaub vom Krebs, bis meine Radiotherapie anfängt.

Cessna, danke für deine lieben Worte zu meinem Beitrag in Wer bin ich, ich schreibe schon eine Fortsetzung.
Wered, ich bin schon gespannt, wie deine Lebensgeschichte ist, schreibe sie unbedingt auf!
Bis bald...
Eure Dagmar
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Frische Erdbeeren

Beitragvon wered » 31 Mai 2009 19:52

Liebe Dagmar,
danke für Deine Ermunterung über mich in "wer bin ich" zu schreiben.

Dort habe ich Deine Beiträge gelesen.

Ich möchte Dir mitteilen was bei mir den stärksten Eindruck hinterlässt:

"Eines ist mir klar geworden: alles was einem passiert hat eine Bedeutung und ich bin froh das erkannt zu haben…"

Zu der festen Überzeugung bin ich auch gelangt. Du erlebst es genauso.
Das stärkt meine Überzeugung.
Danke.

Seitdem ich versuche mit dieser Erfahrung umzugehen
lese ich immer mal wieder ein Gedicht.
Das schreib Dir jetzt.

Zähl mich bitte zu denen die für Dich die Daumen drücken.

wered




DIE HOFFNUNG

HOFFNUNG IST NICHT OPTIMISMUS,
HOFFNUNG IST NICHT DIE ÜBERZEUGUNG,
DASS ETWAS GUT AUSGEHT,
SONDERN SIE IST DIE GEWISSHEIT,
DASS ETWAS SINN HAT
OHNE RÜCKSICHT DARAUF
WIE ES AUSGEHT.

Vaclav Havel
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Re: Wirf Deine Angst in die Luft

Beitragvon cessna » 01 Jun 2009 17:37

Liebe Dagmar und wered,

vielen Dank für die Gedichte, sind doch ergreifend und dabei so naheliegend.

Euch alle guten Wünsche für die Suche nach dem Leben und viel Glück (das braucht man auch bisweilen)!
Herzlichst
cessna
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