Book of Living and Dying

Austausch zu Filmen und Büchern, die sich mit Krankheit beschäftigen

Book of Living and Dying

Beitragvon Leila S. » 05 Jun 2009 20:48

Liegt es an der Kälte draußen - im Juni - oder an meiner Beschäftigung mit diesem Thema, dass ich euch dieses Buch ans Herz legen möchte. Ich hoffe, Sogyal Rinpoche hat nichts dagegen, wenn ich hier ein paar Sätze aus seinem Buch wiedergebe. Lasst euch bitte nicht durch Äußerlichkeiten - wie Religionszugehörigkeit und Herkunft - von der Lektüre abhalten.
Der Autor hat keine Berührungsängste gegenüber Krankheit, Sterben und Tod - aber er beschäftigt sich natürlich auch mit dem Leben an sich.

"Was würde es bedeuten, wenn immer mehr Menschen ernsthaft über ihre Zukunft und die Zukunft der Welt nachdächten? Stellen Sie sich vor, was geschehen würde, wenn wir unser Leben auf eine sinnerfüllte, heilige Weise leben könnten, wenn die Betreuung am Ende eines Lebens immer von einem Gefühl der Ehrfurcht vor dem Tod erhellt wäre und wenn wir Leben und Tod als ein untrennbares Ganzes betrachten würden. …
Das wäre eine wahre Revolution, die Männern und Frauen die Freiheit gäbe zu entdecken, was ihnen von Geburt an zusteht, diese innere Dimension, die wir so lange vernächlässigt haben und die uns mit der Gesamtheit und Fülle der menschlichen Erfahrung vereint, in all ihrem Mysterium und ihrer Pracht." (Sogyal Rinpoche, Lerab Ling, Frankreich, Nov 2001)


„Warum ist es so ungeheuer schwierig, den Tod und die Freiheit zu üben? Und warum eigentlich haben wir eine derartige Angst vor dem Tod, dass wur uns weigern, uns überhaupt mit ihm zu befassen? Irgendwo tief drinnen wissen wir, dass wir der Begegnung mit dem Tod nicht nicht ständig ausweichen können. Wir wissen, um mit Milarepa zu sprechen : „Dies Ding, das wir Leichnam nennen und so sehr fürchten, lebt mit uns hier und jetzt.“ Je länger wir die Konfrontation mit dem Tod hinausschieben, je mehr wir ihn ignorieren, desto größer werden die Angst und Unsicherheit, die uns heimsuchen. Je mehr wir versuchen, vor dieser Angst zu fliehen, desto überwältigender wird sie. …

Warum leben wir in solch panischer Angst vor dem Tod? Weil es unser instinktives Verlangen ist, zu leben und am Leben zu bleiben, und weil wir den Tod für das grausame Ende all dessen halten, was uns so vertraut ist. Wir ahnen, dass wir in etwas gänzlich Unbekanntes gestoßen werden und uns völlig verändern, wenn wir sterben. Wir stellen uns vor, dass wir uns verloren und verwirrt an erschreckend unbekannten Orten wiederfinden. Wir malen uns aus, es sei wie das Aufwachen in einem völlig fremden Land, allein und gequält von Angst; wir kennen weder das Land noch die Sprache, wir haben kein Geld, keine Kontakte, keinen Ausweis und keine Freunde. …

Wenn wir sterben, lassen wir alles zurück, vor allem unseren Körper, den wir so sehr geschätzt haben, auf den wir uns blind verlassen haben und den wir so angestrengt am Leben zu halten versucht haben. Aber auch unser Geist ist um keine Spur verlässlicher als unser Körper. Schauen Sie sich Ihren Geist einmal für nur wenigen Minuten an. Sie werden sehen, er ist wie ein Floh: andauernd hüpft er hin und her. Sie werden herausfinden, dass Gedanken ohne jede Ursache erscheinen und ohne Verbindung sind. Mitgerissen vom Chaos des jeweiligen Augenblicks sind wir das Opfer der Unbeständigkeit unseres Geistes. Wenn das der einzige Bewusstseinszustand ist, den wir kennen, dann wäre es ein absurdes Glücksspiel, uns im Augenblick des Todes auf diesen Geist verlassen zu wollen. …

Grundsätzlich ist jede spirituelle Praxis geeignet, unser Leben zu verlängern und unsere Gesundheit zu bewahren - ...Ein guter Praktizierender fühlt sich durch die Kraft und Inspiration seiner Praxis psychisch, emotionell und spirituell heil, und das ist nicht nur die wirksamste Quelle für Heilung, sondern auch der beste Schutz gegen Krankheit. Es gibt aber auch spezielle Langlebens-Praktiken , in denen die Lebenskraft der Elemente und des Universums durch die Macht der Meditation und Visualisation gesammelt wird. Wenn unsere Energien schwach und unausgeglichen sind, sorgen diese Langlebens-Praktiken wieder für Kraft und Ausgeglichenheit, und das Ergebnis ist eine Verlängerung der Lebensspanne. ...

Wenn ein Mensch dem Tod sehr nahe ist, sollten Sie versuchen, das Krankenhauspersonal dazu zu bringen, ihn nicht mehr so häufig zu stören und auf weitere Untersuchungen wie etwa Blutentnahme oder andere störende Eingriffe ganz zu verzichten. Ich werde oft gefragt, was ich denn vom Sterben auf einer modernen Intensivstation halte. Ich muss leider sagen, dass in einer Intensivstation ein friedlicher Tod kaum zu erreichen und eine spirituelle Praxis im Moment das Todes praktisch unmöglich ist. Wenn eine Mensch unter den dort gegebenen Umständen stirbt, bleibt ihm keinerlei Privatsphäre. Er hängt an Monitoren, und sobald der Atem aufhört oder der Herzschlag stoppt, werden augenblicklich Wiederbelebungsversuche eingeleitet. Den Körper nach dem Eintreten des Todes für eine Weile ungestört liegen zu lassen, wie es die Meister empfehlen, ist ganz und gar unmöglich.
Wenn Sie können, sollten Sie mit dem Arzt ein Übereinkommen treffen, dass er Ihnen mitteilt, wenn es keine Hoffnung auf Besserung mehr gibt; dann sollten Sie darum bitten, dass man den Sterbenden in ein Einzelzimmer verlegt und, wenn er es so wünscht, auch ohne weiteren Anschluss an Überwachungsgeräte. Vergewissern Sie sich, dass das Krankenhauspersonal die Wünsche des Sterbenden kennt und respektiert, besonders wenn keine Wiederbelebungsversuche gewünscht werden, und sorgen Sie auch dafür, dass das Personal weiß, dass der Körper nach dem Tod so lange wie möglich ungestört bleiben soll. …

Die meisten Menschen sterben im Zustand der Bewusstlosigkeit. Die Nahtod-Erfahrungen haben uns aber gelehrt, dass im Koma sterbende Patienten unter Umständen viel mehr von den Vorgängen um sie herum wahrnehmen, als wir gemeinhin annehmen. …

Ich wünsche mir, dass dieses Buch einen Beitrag dazu leistet, dass Ärzte in der ganzen Welt beginnen, die Notwendigkeit, einen Menschen in Stille und Gelassenheit sterben zu lassen, äußerst ernst zu nehmen. Ich möchte mich an den guten Willen der Menschen in medizinischen Berufen wenden und hoffe, sie dazu zu inspirieren, nach Mitteln und Wegen zu suchen, den ohnehin schön äußerst schwierigen Übergang des Todes so leicht, schmerzlos und friedlich wie nur möglich werden zu lassen. Ein friedlicher Tod ist ein unverzichtbares menschliches Grundrecht, viel wesentlicher vielleicht noch als das Wahlrecht oder das Recht auf Chancengleichheit. …

Hat es irgendeinen Sinn, Menschen künstlich am Leben zu erhalten, die ansonsten sterben würden? Der Dalai Lama hat auf einen wesentlichen Faktor hingewiesen – den Geisteszustand des Sterbenden: „Wenn die Chance besteht, dass der Sterbende positive, tugendhafte Gedanken hat, ist es vom buddhistischen Standpunkt aus gesehen für ihn wichtig – und sinnvoll – länger zu leben, und sei es nur für ein paar Minuten.“ …“

Aus: Das Tibetische Buch vom Leben und vom Sterben
Leila S.
 
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Re: Book of Living and Dying

Beitragvon Karin » 26 Dez 2009 12:26

Dieses Buch habe ich gerade auch auf dem Nachttisch liegen.

Ganz wunderbare Worte und Gedanken darin, ich fühle mich dort aufgehoben.

Leila, Grüße an dich und deine Familie,

und guten Rutsch!
Karin
 
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