Krankheit als Begrenzung und Herausforderung

Für alles was da weiter oben keinen Platz findet...

Krankheit als Begrenzung und Herausforderung

Beitragvon Ste » 29 Okt 2009 00:37

Lieber Herr Schlingensief, liebe Kranke, liebe Autonome, liebe Gesunde,

ich bin Student an der HfG in Karlsruhe. Ich besuche da so ein Seminar, dass sich mit dem Spätwerk von Künstlern beschäftigt, und eigentlich war Schlingensief nicht drin im Plan und jetzt fühl ich mich aber schuldig, hab mich gemeldet und gesagt: Schlingensief rein, bitte. Und statt Monet, weil den keiner wollte, gibt es jetzt Schlingensief und ich will das jetzt auch machen: Schlingensief, d.h. eigentlich, seine Arbeit im Verbund mit diesem Eindringling, der Krankheit als eben jene Herausforderung oder Begrenzung.
Letzte Stunde haben wir uns mit dem Topos des Alters beschäftigt, geguckt was die alten Griechen dazu sagten, dass ihre Körperenergie nachlässt und sie nicht mehr so toll und frisch aussehen, nicht mehr mit allem gleich hinterherkommen. Klar, olle Sokrates und Co. redeten sich positiv ins Gewissen: Die Reife ist das tollste was es gibt, endlich keine nervige Libido und so weiter. In der Kunsttheorie/-geschichte wurde dies dann fortgespinnt. Da wurde z.B. gesagt: In jungen Jahren herrschte im Bild Ordnung und Struktur, dann im Alter verwischten sich die Konturen, der alternde Künstler löste sich von den Konventionen. Kurzum: Man sah eine gewisse Teleologie nicht nur im Kunsthistorischen, sondern auch im individuellen Schaffen der Künstler. Nun geht es im Seminar darum, diesen Trugschluss eben nicht weiterzuspinnen, sondern kritisch zu dekonstruieren. In den nächsten Stunden wird der Blick auf verschiedene Arbeiten geworfen. Auf Arbeiten von Künstlern, die beispielsweise krank wurden (Immendorff, Corinth etc.) oder auch auf Künstlerinnen die im hohen Alter anfingen zu arbeiten (Lassning, Grandma Moses etc.). Und Anfang Dezember will ich das irgendwie mit Schlingensief versuchen unter dem Stichwort „Krankheit als Herausforderung und Begrenzung“.

Der Stand sieht folgendermaßen aus: Ich hab bis heute nur Artikel, Videos und theoretische Sachen gesammelt, die mir vielleicht helfen könnten einen Rahmen abzustecken. Nun will ich aber nicht diesen Wikipedia-Müll runterleiern: Biografie, Werke und fertig. Bisher gibt es zwei Blöcke. Der erste soll mit Hilfe von Parametern die Arbeit von Schlingensief beschreiben, ganz zentral natürlich der Parameter „Das Politische“ (Mut und Wahrheit). Der zweite Block, der mich nervös macht, dreht sich dann eben um den Topos Krankheit. Eine große Hilfe neben das Schlingensief-Tagebuch ist mir die Seite geschockte-patienten.de, die mir einen kleinen Ausschnitt darauf bietet, wie andere Menschen mit Krankheit im Leben umgehen. Was mich nervt ist, dass ich als so genannter Gesunder ÜBER den so genannten Kranken rede, wie kann ich dem ganzen gerecht werden? Ich hatte die Idee Texte von Menschen die erkrankt sind vorzutragen, fühle mich dabei aber auch nicht ganz wohl. Was gibt es noch für Möglichkeiten?

Ganz liebe Grüße,
Stefan Schulz
Ste
 
Beiträge: 1
Registriert: 29 Okt 2009 00:34

Re: Krankheit als Begrenzung und Herausforderung

Beitragvon brenessel » 30 Okt 2009 20:29

also ich finde es schon okay, wenn ein gesunder mensch ÜBER kranke menschen redet. mit der nötigen cvorsicht und umsicht selbstverständlich. grundsätzlich weiß übrigens niemand, ob er gesund ist, okay, du bist jung, also gehst du mal davon aus, das ist auch in ordnung.
aber das problem "was ist gesund" sollte vielleicht in deiner arbeit platz finden.
es gibt da zb eine WHO definition, die vielleicht den blick schärft für die fließenden übergänge zwischen diesen beiden begriffen.
das finde ich persönlich wichtig.
alles liebe
frau brenessel
eine andere welt ist möglich
brenessel
 
Beiträge: 35
Registriert: 28 Jun 2009 19:56

Re: Krankheit als Begrenzung und Herausforderung

Beitragvon Pottwal » 30 Okt 2009 20:53

Hi Stefan,

Du zeigst Skrupel, ÜBER Kranke zu schreiben. Die kriegt man vielleicht schnell auf einer Seite, wo es um unsere Autonomie geht. ich finde andere Perspektiven manchmal ganz hilfreich. Vielleicht siehst Du aus Deiner Perspektive etwas, was uns verstellt ist.
Hier noch ein paar persönliche Gedanken,
Wenn Deinen locker-flockogen Text über Sokrates lese:
"olle Sokrates und Co. redeten sich positiv ins Gewissen: Die Reife ist das tollste was es gibt, endlich keine nervige Libido und so weiter"
dann sprichtst Du über Philosophiegeschichte. Über die kann man so reden, das macht sie lustiger.
Was ich mir wünsche, wenn Du mit echten Menschen sprichst, deren biografische Situation gerade das Verarbeiten von Alter und Krankheit ist, und dabei auch etwas Lebenswertes herauskommen soll, dass Du das einfühlsam und wertschätzend behandelst.

Du fragst, was es für Mögiichkeiten gibt. Es gibt manchmal gute "Übersetzer" von fremden Lebenssituationen in fremde Köpfe. Das wäre die Förderung von Verständigung (anstelle von Voyeurismus). Ist das ein Vorschlag?

Liebe Grüße
vom Pottwal
Pottwal
 
Beiträge: 16
Registriert: 21 Okt 2009 14:27
Wohnort: Norddeutschland


Zurück zu Plauderecke

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 0 Gäste

cron