Die verdrängte Angst, die Hölle wenn sie ausbricht

Fragen, Ängste, und wie man damit umgehen kann.

Die verdrängte Angst, die Hölle wenn sie ausbricht

Beitragvon Regina » 26 Sep 2009 13:31

Ein freundliches Hallo an alle hier,

wovor wir Erkrankten Angst haben, ist sicher kein Geheimnis! Der weitere Verlauf, das Ende der Behandlungserfolge, die erreichte Fahnenstange...

Ich lebe seit mehr als 2 Jahren mit der Erkrankung, so auch mit immer wieder neu sich einstellenden Ängsten. Sie beherrschen mich mal länger, mal kürzer, um dann aus dem tiefen, dunklem Keller wieder aufzusteigen. Es ist jedes mal ein neuer Kraftakt diese Attacken zu überstehen, danach wieder tief Luft hohlen zu können, die Sonne, das Leben zu sehen und zu spüren. Und der Akt zerrt jedes mal mehr, braucht mehr meiner Kräfte. Danach habe ich ein Gefühl von... es gibt Regina nun wieder ein Stück weniger. Wie stark kann man sein...?

Ich erlebte gestern die Hölle, mein mir selbst gebasteltes "Kostüm" brach zusammen. Ich hatte seit Wochen ein sehr ungutes Gefühl, meinte meine Zipperlein und dieses Gefühl ergeben zusammen ein nicht mehr Wirken meiner dauerhaften Chemotherapie. Von einer zuvor gemachte Blutuntersuchung mit Tumormarkern und den so alles entscheidenden Leberwerten sollte ich die Ergebnisse erfahren. Telefonisch, da ich immer eine lange Reise zum Onkologen habe. Er ruft immer um die Mittagszeit an, wenn er mir Wichtiges mitzuteilen hat. Wie lag kann ein Mittag sein, wenn man auf dem Schafott steht, auf Gnade hofft und die Angst einen fest im Griff hat! Ich verlor schon am Vormittag meine Haltung, da ging nichts mehr außer lang versiegte Tränen. Warum klingelt dieses verdammte Telefon nicht endlich, erlöst mich, egal was an Nachrichten kommt.

Endlich dann der Anruf. Wie mit Watte im Ohr hörte ich meinen immer freundlichen, immer gut gelaunten Onkologen. An seiner Stimme wollte ich erkennen was kommt, da war kein Unterschied zu sonst. Wortgeplänker... wie geht es ihnen... oh Mann, spuck es endlich aus!!! Und dann kam es, alles im grünem Bereich. Tumormarker weiter gefallen, die Leberwerte fast im Normbereich, unglaublich. Ja, unglaublich! Ich brach ab und zusammen, die versteckten, fiesen Ängste holten mich nun ganz, wollten mir mal wieder zeigen welche Macht sie haben. Nichts ging mehr, außer Tränen. Wo war, wo blieb die Freude über diese guten Nachrichten? Am späten Abend kamen die Lebensgeister wieder, vertrieben diese Scheiß Angst! Freude? Ja, ein wenig kam da hoch. Warum nicht mehr? Weil dies nur der Anfang vom kommendem Ende ist, diese Abhängigkeit von Werten immer mehr Raum ein nimmt. Irgend wann werden die Ansagen anders heißen und endgültig sein...

Regina
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Re: Die verdrängte Angst, die Hölle wenn sie ausbricht

Beitragvon Karin » 26 Sep 2009 15:15

Liebe Regina,

ich bin ziemlich gerührt beim Lesen deiner Worte.
Das ist wohl wirklich die Hölle, was du da beim Warten und Fürchten vor
den neuen medizinischen Untersuchungen durchmachst.
Lass dich davon nicht auffressen, Angst ist berechtigt, aber sie braucht dich
nicht zu beherrschen, denn wie du selber berichtest, schwächt dich das nur
zusätzlich. Du brauchts dein ganzes (auch geistiges) Immunsystem für konstruktiven (Zell-)
Aufbau, da sollte deine Energie hingehen.
Es gibt ja Therapien, wo man lernen kann, solche Vorgänge zu "visualisieren"!
Bei Schmerzen oder Entzündungen im Körper stelle ich mir manchmal eine
Art starker Sonne vor, die mit ihrem Licht und ihrer Wärme meine Zellen und das
Gewebe durchdringt und sich ausbreitet. Sie breitet sich immer weiter aus und lässt
für ungesunde Entwicklungen keinen Raum...

Zum Schluss schreibst du, dass du diesmal gute Nachrichten von deinem Arzt bekamst,
aber dass du schon bald oder irgendwann mit negativen Nachrichten rechnest.
Warum glaubst du das?
Entgegen aller Wahrscheinlichkeit und empirischer Werte könnte es doch ganz anders
kommen. Stell dir also lieber vor, wie deine gesammelten Werte immer besser werden,
deine Zellen immer stärker und wie Freude sich in deinem Körper ausbreitet.
Nimm ein warmes Bad und lass die Wohligkeit sich ausbreiten, nimm duftende Öle,
lass dich damit massieren oder massiere selber. Zum Beispiel Lavendel-Öl, lecker ist
auch Orangen-Öl. Lass es dir rundum gutgehen, kuschel dich ein, hör angenehme Musik.

So jetzt habe ich dich aber genug vollgetextet,

liebe Grüße
Karin
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Re: Die verdrängte Angst, die Hölle wenn sie ausbricht

Beitragvon Freddy » 26 Sep 2009 16:13

Hallo Regina,

erhol dich gut von der Hölle, falls dir das gelingt.

Mein Freund hat mir mal erzählt, dass durch und mit den Tränen
für den Organismus schädliche Stoffe aus dem Tränenkanal geschleust werden!

Also ist dein Weinen eine wunderbare Reinigungsprozedur, eine Art Kanalisation.
Da könnte ich dir glatt wünschen, so viel wie möglich zu heulen, bis nichts mehr kommt.

Es wird dich kaum trösten, ich hatte auch Zeiten, wo ich mir schier die Augen aus dem
Kopf geheult habe, irgendwie war das zwar anstrengend, aber auch erleichternd.

LG Freddy
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Re: Die verdrängte Angst, die Hölle wenn sie ausbricht

Beitragvon Mama » 26 Sep 2009 18:19

Liebe Regina !

Ich bin so froh dass du uns hier in aller Offenheit mitteilst wovor du Angst hast und wie das aussieht. Du schilderst auch eindringlich welchen Raum die Sorge um diese Werte in deinem Leben einnehmen. Gut dass die Werte so erfreulich sind.

Schöne Grüße

Mama
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Re: Die verdrängte Angst, die Hölle wenn sie ausbricht

Beitragvon Papa » 26 Sep 2009 19:14

Wo Mama ist, ist auch Papa nicht weit...

Ja, Regina, ich schließe mich Mamas Worten an und wünsche Dir weiter steigende Werte!

Die Freude kommt dann von selber, nicht wahr.

Gruß
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Re: Die verdrängte Angst, die Hölle wenn sie ausbricht

Beitragvon brenessel » 26 Sep 2009 19:16

liebe regina,

ich verstehe deine angst vollkommen. auch bei mir - und meine krankheit ist NICHT METASTASIERT - ist jede kontrolle ein hürdenlauf gegen die angst. um wievieles höher sind aber nun deine hürden!

aber für diesmal ist es geschafft - bravourös mit einem eleganten sprung - und nun - wieder in der sonne.

ich wünsche dir, dass es noch lang lange keine schlechten nachrichten von deinem onko gibt.

irgendwann
- ja, irgendwann gibt es für uns alle schlechte nachrichten, und ich denke, wir mit unserer krankheit haben einfach sehr sehr hart begreifen müssen, dass das menschliche leben erstens endlich ist und zweitens, dass wir nicht kontrollieren können, was uns widerfährt.

herzlichen gruß
brenessel
eine andere welt ist möglich
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Re: Die verdrängte Angst, die Hölle wenn sie ausbricht

Beitragvon Regina » 27 Sep 2009 12:14

Hallo ihr,

vielen Dank für eure Beiträge. Karin, du fragst...

Zum Schluss schreibst du, dass du diesmal gute Nachrichten von deinem Arzt bekamst,
aber dass du schon bald oder irgendwann mit negativen Nachrichten rechnest.
Warum glaubst du das?


diese Aussage ist nicht Glauben sondern Wissen über den Verlauf (m)einer fortgeschrittenen Krebserkrankung. Die Vorstellung das es anders kommen könnte, die entspricht in den seltensten Fällen der Realität.

Das Wohlfühlprogramm kann ich natürlich auch immer wieder anwenden und tue es auch, doch dazu, vorher gehört eben auch Ängste zu durchleben. Sie an den Nagel hängen, sie nicht mehr zu spüren, kann das gehen in der Situation wo es um Leben und Tod geht? Nein, das geht nicht, behaupte ich für mich!

Freddy, ja es ist anstrengend all das zu zu lassen und sich immer wieder neu zu orientieren. Du hast Recht, Tränen bringen am Ende Erleichterung, da mit ihnen verbunden Gedanken einhergehen die allein nicht nur Verzweiflung enthalten sondern auch immer wieder neuen Mut mit sich bringen.

irgendwann - ja, irgendwann gibt es für uns alle schlechte nachrichten, und ich denke, wir mit unserer krankheit haben einfach sehr sehr hart begreifen müssen, dass das menschliche leben erstens endlich ist und zweitens, dass wir nicht kontrollieren können, was uns widerfährt.


Brenessel, die Kontrolle über sich und das was passiert zu verlieren, das ist für mich die härteste Herausforderung. Es beinhaltet für mich den Verlust von Eigenbestimmung, Abhängigkeit von anderen, den Ärzten, Abhängigkeit von Medizin. Man verliert so viel Vertrauen in sich, muss aber vertrauen finden und haben, um den weiteren Weg nehmen zu können. Mir fällt das beim Stand des Wissens um den Krebs am schwersten.

Lieben Gruß

Regina
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Re: Die verdrängte Angst, die Hölle wenn sie ausbricht

Beitragvon brenessel » 27 Sep 2009 16:54

OHja, regina, das verstehe ich gut. ich habe halt immer darauf gesetzt, dass ich selbst für mein leben verantwortlich bin und das hat mir oft geholfen, aktiv zu werden, wenn es um probleme ging.

aber im falle der krankheit ist das anders.

übrigens, der geschätzte sigmund freud hielt diese erkenntnis, wenn ich mich recht entsinne, für eine der 3 grundlegenden und sehr schmerzlichen kränkungen im menschlichen leben. kann ich verstehen.

trotzdem, und das ist für mich die "botschaft": selbstbestimmen, was möglich ist. zum beispiel, das WIE VERBRINGE ICH MEINE ZEIT. oder WIE BIN ICH GESTIMMT?
und da finde ich, dass du es wunderbar machst.
du bist tapfer, aber nicht hart zu den anderen, du bist traurig, aber lebensfroh, du bist bitter, aber schmeckst und spendest auch süße.


alles liebe
frau brenessel
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Re: Die verdrängte Angst, die Hölle wenn sie ausbricht

Beitragvon Karin » 27 Sep 2009 18:33

Liebe Regina,

es tut weh, deine Worte zu lesen.
Dass es unrealistisch wäre, im Fall deiner fortgeschrittenen Krebserkrankung auf dauerhaft gute Werte zu hoffen, dass es
tatsächlich nur realistisch ist, dass irgendwann die schlechten Nachrichten und eine Verschlechterung des Zellwachstums eintreten würde.
Das tut weh, und ich kann an diesem Punkt gar nichts mehr sagen.

Euch, brenessel, Regina, Freddy und den anderen
meine Achtung...
Karin
 
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