Fremd

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Fremd

Beitragvon Christine » 12 Jul 2009 17:28

Mit 18 hatte ich einen kindskopfgroßen Tumor im kleinen Becken, es kam überraschend und war unwirklich. Erst im Erinnern wird mir bewusst, was für ein verdammtes Glück ich hatte, dass meine Operateure nach dem Alles-oder-Nichts-Gesetz so schonend wie möglich vorgegangen waren. Mit 34 Jahren wurde ich psychiatrisch behandelt und letztendlich invalidisiert, die Diagnose: Schizophrenie. Ich begann, jeden Gedanken schriftlich festzuhalten, um bei allem, was ich erlebte, mir selbst nah zu bleiben. Mit 44 Jahren begann ich, wieder zu arbeiten, nicht mehr als Anästhesist, aber als Journalist. Während eines Interviews bekam ich eine Panikattacke, wurde inkontinent, zog mich zurück und vereinsamte. Was blieb, war die Scham, über das zu schreiben, was mich am meisten quälte: Nicht die Angst vor einem Tumorrezidiv als Inkontinenzursache sondern die Inkontinenz selbst. Der einzige Vorteil, den sie hatte, war, dass das Radio nicht mehr unmittelbar mit mir sprach. Die Illusion, dass mich der im Radio überhaupt wahrnahm, hatte nachgelassen. Was außerdem blieb, war das Gefühl, als Stalker erlebt zu werden, sobald ich Interesse verbalisierte, das über ein bloßes Interview hinausging. Es war, als ob jedes Gespräch von vornherein sinnlos war. Und das Tagebuch wurde von Tag zu Tag knapper, um möglichst keinen potentiellen Leser zu verletzen, erstarrt vor Einsamkeit. Es war wie die Ruhe vor dem Sturm, dem nächsten Krieg im Inneren.
Christine
 
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Re: Fremd

Beitragvon Simone_k » 12 Jul 2009 18:15

Hallo Christine,

ich lese zur Zeit in dem Buch „Kraftzentrale Unterbewusstsein“ von Erhard Freitag. Gerade gestern las ich diese Seite, die sich mit Schizophrenie und Geisteskrankheit beschäftig.
Nun sehe ich, dass du hier von Schizophrenie schreibst. (Und auch bei Inkontinenz kann man durch entsprechende Einlagen die Problematik eindämmen).
Deshalb möchte ich dir aber diese Zeilen zum Lesen schreiben:

´Wer sich selbst nicht liebt, kann auch keinen anderen lieben. Er entrückt sich seinem Zentrum. Er ist verrückt. Ist unsere Welt mit ihren wirren Lebenssituationen nicht der beste Beweis? Wir sind ver-rückt! 95 Prozent der Menschheit sind neurotisch, wie die Wissenschaftler festzustellen wagen.
Im Alltagsjargon nennen wir immer jene Leute „ver-vückt“, die nach unserem Empfinden völlig aus der Reihe tanzen. Wer sich extrem außerhalb der Gesellschaftsnorm verhält, gilt als verrückt.
Die Gesellschaft wird sich in vielen Fällen gar nicht bewusst, dass sie durch ihr Verhalten manchen Menschen mit gestörtem geistigen Anpassungsvermögen erst wirklich in die Entrückung drängt.
Schizophrenie z.B. ist nicht angeboren. Schizophrene Zustände sind in jedem Menschen latent. Sie können u.a. durch totale Vereinsamung oder – wie die Hebephrenie, die Jugendschizophrenie – durch bedrängende Familienverhältnisse akut werden.
Von der Schulmedizin wird die Schizophrenie im Grunde als Stoffwechselanomalie des Gehirns angesehen. Das entspricht der ausschlielich materiellen Auffassung der Wissenschaft, die „noch keine Seele gefunden hat“ (Virchow).
„Das reine Faktum an sich ist uns nicht zugänglich, weil wir uns ihm nur perspektivisch nähern können“, schrieb einmal Immanuel Kant.
…Mit Sicherheit sind bei Schizophrenen Stoffwechselanomalien im Gehirn festzustellen – aber das sind Symptome dieser Krankheit, nicht die Ursache. …
Ausschlaggebend ist der echte Heilungsweg – und da scheidet die Psychiatrie sofort aus, weil ihr einziges Verdienst an den wenigen Prozent der Geheilten, die sie wieder entlässt, darin besteht, diese Menschen mit Medikamenten nicht völlig zerstört zu haben. - …
Ein Irrer braucht keinen Arzt, sondern einen Freund. …
„Wenn du einem Verrückten sagen kannst, dass nicht nur er verrückt ist, sondern du auch, ist sofort eine Brücke geschlagen. Und dann ist er erreichbar…“ …`

Also hoffe, ich dass du einen – oder mehrere – Freunde findest, oder wenigstens gute Schutzengel…!

Liebe Grüße,
Simone
Simone_k
 
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