Vor Zwei Jahren

Für Neuankömmlinge. Wer verbirgt sich hinter dem Nick?

Vor Zwei Jahren

Beitragvon Irene Gattiker » 19 Jun 2009 14:55

Hallo

Rückblick: Weihnachtszeit 2006, Zeit um zu entspannen, Zeit um seinem eigenen Körper die nötige Aufmerksamkeit zu schenken. Vor dem Spiegel betrachte ich einen geröteten Fleck auf meiner linken Brust. Die Hautoberfläche glüht von innen nach aussen. Diese gerötete Hautveränderung begleitet mich schon einige Wochen. Ich habe immer noch die Hoffnung, dass sie sich zurückziehen und verschwinden möge. Ich will mir keine Zeit für unliebsame Wehwehchen an meiner Brust gönnen. Doch in meinem Kopf purzeln Worte wie Tumor, Geschwür, Krebs, Tod wild durcheinander. Dieser Wörtercocktail bekommt mir nicht gut und ich ahne, dass dieser „Fleck“ weder mit guten Gedanken noch durch Tee trinken verschwinden wird. Ich durchforsche das Internet mit den Suchbegriffen Brust, Rötung, Entzündung, Krebs. Dieser Informations-cocktail ist nicht minder explosiv! Mir wird schnell klar, dass ich umgehend medizinische Hilfe in Anspruch nehmen muss, um zu erfahren, was es mit dem „Fleck“ auf sich hat. Am 11. Januar 2007 ist es soweit. Es ist der erste Termin in der Brustsprechstunde der Maternité des Triemli Spitals Zürich. Die Betreuung der zuständigen Ärztin ist kompetent und liebevoll.
Aber: Es ist, als wäre ich auf eine Tretmine getreten. „Scheisse“ ist das erste Wort, das mir nach der Ultraschalluntersuchung, welche einen nussgrossen Knoten zu Tage bringt, über die Lippen wetzt. Jetzt muss ich mir die Zeit nehmen, die ich mir bis anhin nicht gegönnt habe. Ausnahmezustand! Ich drehe meine Runden auf der Achterbahn der Gefühle.
Es folgen in kurzen Abständen zahlreiche und notwendige Untersuchungen wie eine Mammographie, eine Stanzbiopsie, eine Szintigraphie eine Computertomographie. Was das alles ist, erklären mir die Ärztinnen und Ärzte immer genau, wie sich diese Untersuchungen anfühlen, muss ich selber erfahren.
Die Zeit schleicht förmlich dahin. Ich verbringe meine Zeit in den Krankenhausgängen und in Untersuchungszimmern mit dem Gefühl, mit jeder Untersuchung kränker zu werden als ich es jemals gewesen bin...
So vergehen zwei unendlich lange Wochen bis Ende Januar die endgültige Diagnose von metastasierendem Brustkrebs feststeht.In einem Gespräch mit dem behandelnden Chirurgen und Onkologen werde ich und mein Mann über die unterschiedlichen Szenarien der Behandlung bei einer Diagnose mit oder ohne Systembefall unterrichtet. Die Ärzte raten mir, unabhängig von den abschliessenden Untersuchungsresultaten mit einer sofortigen Chemotherapie zu beginnen. Die Entzündung und der Tumor sollen sich erst einmal auf eine vernünftige Grösse zurückziehen. Das ist in meinem Sinn und so starte ich mit der ersten Chemotherapie. Sie ist im Moment meine Chance, der Krankheit erfolgreich entgegen treten zu können! Ich habe immer noch die Hoffnung, dass kein Systembefall vorliegt, dass ich keine Metastasen habe.
Als mir jedoch die abschliessenden Untersuchungsresultate vorgelegt und erläutert werden, erfahre ich, dass sich an verschiedenen Orten in meinem Skelett Metastasen gebildet haben. Ich habe das Gefühl, den Boden unter den Füssen zu verlieren! Plötzlich haben die Rückenschmerzen – von denen ich glaubte, sie seien arbeitsbedingte Abnützungserscheinungen – einen Namen: Metastasen. Noch nie war ich in meinem bisherigen Leben ernsthaft erkrankt, noch nie musste ich ins Spital. Nun bin ich unheilbar an Krebs erkrankt. Ich bin krank und das Spital wird mir eine vertraute Umgebung werden...
In meine rechte, unversehrte Brust wird mir nach kurzer Zeit ein Port-A-Cath implantiert, da ich in Zukunft periodisch verschiedene Infusionstherapien kriegen werde. Mit meinem Mann und meinen Freundinnen und Freunden an meiner Seite lasse ich meine Chemotherapie-Zyklen über mich ergehen.
Nach dem ersten Zyklus werden meine Haare schütter und beginnen auszufallen. Ich lasse mir einen Kurzhaarschnitt verpassen, aber zwei Wochen später habe ich es satt, meine Haare auf dem Kopfkissen zu zählen. So rasiert mir mein Mann meinen Schädel kahl!
Ansonsten habe ich Glück, denn mir wird kein einziges Mal schlecht von der Chemotherapie und ich habe nur wenige Nebenwirkungen! Aber ich bin oft müde. Ich verbringe einen grossen Teil der Chemotherapie-Zyklen schlafend im Bett. Kurz vor meiner letzten Chemotherapie wird mir meine linke Brust entfernt.

Ich lasse mich nicht unterkriegen, ich möchte schnellstens wieder mein aktives Leben zurück. Bald bin ich wieder soweit fit, dass ich schwimmen oder joggen mag. Als selbständige Gestalterin ist aber beruflich leider nicht mehr viel möglich. Plötzlich auftretende Müdigkeit oder Vergesslichkeit machen mir sehr zu schaffen. Ich kann mich nicht lange konzentrieren, der Rücken schmerzt schnell.

Um meiner Krankheit ein Gesicht zu geben beginne ich, meine Geschichte auf meiner Website www.meinbrustkrebs.net und zu erzählen und zu illustrieren. Regelmässig schreibe ich an meinem Blog www.meinbrustkrebs.blogspot.com/ weiter. Meine Website ist ein Work in progress, ein Ort um Informationen und Kräfte zu sammeln, ein Ort zum Staunen, Angst haben, zum Sich-vertraut-Machen. Für Betroffene, Partner, Männer wie Frauen. Und BusenfreundInnen.

Zwei Jahre später hat sich mein Leben und meine Arbeit durch die Krankheit sehr geändert. Unheilbar krank! Trotz allem ist das Leben nach wie vor spannend, obwohl die Krankheit allgegenwertig ist und mir manchmal auch meine Grenzen aufzeigt. Nebst einer Hormontherapie kriege ich dreiwöchentlich eine Infusion mit HER2-Antikörper, sowie sechswöchentlich Zometa, um meinen Knochenaufbau zu fördern. Die Medikamente, meine verschiedenen dreiwöchentlichen intravenösen Glücksgaben und das immer wiederkehrende Herzecho sind inzwischen fester Bestandteil in meinem Leben geworden.
Ich stelle fest, dass mein Alltag fast normal ist. Fast! Wären da nicht die in unregelmässigen Abständen stattfindenden CT-Untersuchungen, an die ich mich nur schlecht gewöhnen kann und will...

Ausblick: Als ich Ende April 2009 meinen ersten Marathon gelaufen bin, konnte ich nicht ahnen, dass die Resultate meiner CT-Untersuchungen, die einen Tag nach dem Lauf gemacht wurden, ergeben sollten, dass sich auf meinem Skelett erneut die Metastasen gestreut und ausgebreitet haben. Und in der Leber wurde ein Krebsfleck entdeckt. Ich beginne sofort eine Chemotherapie. Mir ist bewusst, dass diese erneute Chemotherapie wiederum meine grosse Chance ist, um das Wachstum meiner Krebszellen ein weiteres Mal zu hemmen.

Ich versuche, im Jetzt zu leben. Ich versuche, Träume zu leben und nicht in die Zukunft aufzuschieben! Ich freue mich über viele kleine Sachen. Zum Beispiel über die zahlreichen Reaktionen auf meine Website und meinen Blog!

Irene Gattiker 2009
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Re: Vor Zwei Jahren

Beitragvon Karin » 30 Jun 2009 15:44

Hallo Irene,

Ihre couragierte Erzählung von Leben, und aktueller Situation finde ich positiv und
ermutigend, dass Sie sich vom Krebs nicht unterkriegen lassen.
Auch Ihre/deine homepage gefällt mir gut!

Beste Wünsche und Grüße, Karin
Karin
 
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Re: Vor Zwei Jahren

Beitragvon Irene Gattiker » 02 Jul 2009 08:21

Liebe Karin,
danke für deine Zeilen vom 30.06.09.
Ein besonderer Tag, denn es war mein Geburtstag! Habe somit soeben ein weiteres Jahr mehr mit meiner Krebserkrankung über-und weitergelebt...
Freue mich auf viele weitere Jahre, hoffentlich!
Herzliche Grüsse Irene
Irene Gattiker
 
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Geburtstag!

Beitragvon Karin » 02 Jul 2009 10:22

Liebe Irene,

dann alles, alles Gute nachträglich zum Geburtstag!

Und noch viele weitere gute Jahre mit immer besserer Lebensqualität,

wünsche ich dir von Herzen,

Karin
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