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Ich bin eine Diagnose

BeitragVerfasst: 30 Jun 2009 20:00
von Birgit O.
Hallo Ihr Lieben,

unglaublich aber wahr, ich wurde zur Diagnose und zu einer Therapie, an der sich alles zwischenmenschliche orientiert. Vorausgesetzt, man weiß es.

Ich bin ein schon immer sehr aktiver mensch, weiblich, 46 Jahre, arbeite ca. 50 Stunden in der Woche, pendele von NRW nach Hessen, und unternehme noch viel mit Freunden, und plötzlich entdecke ich einen Knoten in meiner linken Brust. Es war Anfang März diesen Jahres, und ich erschreckte mich sehr. Ich weinte ein wenig vor mich hin und sagte mir, dass mein Leben gerade so toll ist, und dass das jetzt doch nicht schon alles gewesen sein kann. Am nächsten Tag holte ich mir gleich einen Termin bei einer Frauenärztin. Da ich niemandem Sorge bereiten wollte, erzählte ich erst einmal niemandem was, und stürtzte mich in die Arbeit. Kurz vor dem Frauenarzttermin, der 1 Woche nach meiner Entdeckung war, rief ich meinen großen Bruder am Wochenende an. Ich musste mit jemandem reden. Da einer meiner Brüder schon gestorben ist, versuchte ich sehr sensibel zu sein. Mein großer Bruder war fantastisch, ein so richtig guter behütender großer Bruder, der mir sofort seine Unterstützung anbot. Der Frauenarztbesuch war schrecklich. Ich war schon ein wenig hysterisch vor Angst, weinte, da es in unserer Familie auch schon einige Krebsopfer gibt. Die Frauenärztin tastete meine linke Brust ab, sagte, dass sie selbst den Knoten wohl nicht gefühlt hätte, und gab mir eine Überweisung zur Mammographie. Und das wars. Alles sachlich und nüchtern. Ach ja, sie tat das Ganze noch ab in dem sie sagte, dass ich wohl in 4 Wochen einen Termin zur Mammographie bekommen würde, und in ca. 6 Wochen würden wir uns dann wieder sehen. 1,5 Wochen später hatte ich meinen Termin zur Mammographie, an einem Samstag um 8 Uhr. Ich wäre auch um 4 oder 5 Uhr hingegangen. Die Mammographie wurde gemacht, und anschließend zeigte mir eine Ärztin die Aufnahme, und sagte mir, dass es nicht gut aussehen würde. Da wäre Mikrokalk und ein Knoten, und ich solle am Montag gleich wieder zu meiner Frauenärztin, da müsse eine Biopsie gemacht werden. Das war alles. Ich ging raus, setzte mich ins Wartezimmer, da ich noch auf die Unterlagen warten sollte. Ich musste aufstehen, sagte an der Anmeldung, dass ich vor die Tür gehen würde, und floh aus dem Gebäude. Zu dieser Zeit rauchte ich noch, steckte mir eine Zigarette an, und rief meinen großen Bruder an. Der beruhigte mich, dass ich erst mal die Biopsie abwarten solle. Ja, wie lange sollte ich denn noch warten, bis ich Klarheit hatte. Auf welche Untersuchungsmethode kann man was geben. Ich hatte zu dieser Zeit keine Ahnung, wusste nicht einmal, dass es sogar Brustzentren gibt, und schon gar nicht, was da lebensbedrohliches in meiner linken Brust entdeckt worden war. Montags rief ich bei meiner Frauenärztin an, die in Urlaub war, und bekam bei der Vertretung gleich um 10.30 Uhr, nachdem ich Birads V als Diagnose durchgegeben hatte, einen Termin. Da wurde mir dann gesagt, dass die Ärzte bei der Mammographie sehr erfahren sind, und dass das was sie sagen schon sehr verbindlich ist. Eine Woche später hatte ich meinen Biopsietermin, dem ein Ultraschall vorausging, bei dem mir frostiger Nüchternheit fast schon unmenschlich die Worte Operation, Chemotherapie, STrahlentherapie und Hormonbehandlung an den Kopf geworfen wurden. Ich war total überfordert. Den nächsten Tag ging ich ganz normal zur ARbeit, und arbeitete bis zum Durchdrehen. Es war ein schöner Tag, da ich all es einfach wegschob. Am nächsten Tag bekam ich dann die definitive Diagnose, den Operationstermin und die Art der Operation, die brusterhaltend war mitgeteilt.

Inzwischen bin ich erfolgreich operiert, und befinde mich in der Chemo. Meine Haare habe ich verloren. Ich fühle mich total fremdbestimmt, verletzt, beleidigt, beschämt, gedemütigt und vergewaltigt. Dafür geht es mir aber gut, weil mich das Ganze sehr wütend macht. Da ich zu kraftlos bin um mit anderen Menschen über all das zu reden, gegebenenfalls auch Ärzte um mehr Menschlichkeit zu bitten, kompensiere ich diese Wut in dem ich für mich kämpfe. Habe meine kleine autonome Welt aufgebaut, in der ich möglichst seblständig lebe. Bekomme die Chemo ambulant, und schaffe es, gut geplant, einkaufen zu gehen, zu putzen, zu kochen und spazieren zu gehen. Das genügt mir im Moment. Mit geistigen Dingen beschäftige ich mich auch, und nur mit dem, was ich will. Und alles stressig und negative, also alles was ich als unangenehm empfinde, blocke ich ab. Diesen Luxus habe ich im Moment.

Ich bin von Anfang an sehr offen mit dem Thema umgegangen, und habe es den Menschen in meinem Umfeld gesagt. ZWei von ihnen haben sich seit der Chemo verabschiedet, da sie nicht damit umgehen können. Ist aber o.k., zeigt aber, dass man auf seine Diagnose reduziert wird. Auch die Ärzte behandeln mich nach meiner Diagnose. Es wird nie gefragt wie es mir geht, oder was ich zu einzelnen Themen meine, wie ich auf Medikamente reagiere. Ich soll mich melden wenn was ist. Ja was ist? Ist ja auch nicht relevant für die mehr oder weniger von ihnen beschlossene Therapie, aufgrund meiner Diagnose. Da geht man nach statistischen Werten. Ist aber auch egal, wenn sie mich gesund machen. Wenn nicht, können die was erleben. Und das meine ich todernst!

Ich kann vieles noch nicht in Worte fassen, und weine mit/bei vielem, was ich hier lese, auch bei dem was C. Schlingensief in Verbindung seiner Erkrankung sagt und schreibt. Ich fühle mich durch diese Worte so vertreten, und kann dann auch weinen. Nicht depressiv, sondern reinigend. Deshalb bin ich auch hier. Zu vielen Dingen weiß ich nichts einfach noch nichts zu sagen, merke aber, dass ich das lernen muss, um mich von dem Terroristen in mir und der Angst zu befreien.

Ich gehe auch bei mir davon aus, dass diese Erkrankung eine temporäre Angelegenheit für mich ist, und ich im nächsten Jahr wieder durchstarte. Ich hoffe, dass das nicht anmaßend ist, aber ich will in meine Welt zurück, die ich so liebe. Und das wünsche ich jedem.

Ach ja, ich habe trotz allem ein starkes Gefühl der Dankbarkeit in mir, ich bin erfürchtig dankbar.

Und noch was, und eigentlich bin ich Birgit, eine starke und mutige Frau :-).

Viele Grüße, und ganz viel Gutes für jeden von Euch,
Birgit

Re: Ich bin eine Diagnose

BeitragVerfasst: 30 Jun 2009 20:59
von dtroestler
Liebe Birgit,
ich habe mich in vielen deiner Worte wiedergefunden, wir kämpfen seit der gleichen Zeit. Ich hatte/habe oft das Gefühl mich zermahlt diese Krankheit, dennoch weiß ich, dass ich mutig bin so wie du es bist und wir werden sie gemeinsam besiegen. Fast atemlos habe ich deine Geschichte gelesen, danke, dass du dir Zeit genommen hast sie zu erzählen.
Ja, du hast recht, dankbar sollen wir sein, dass wir noch leben dürfen...

Ich hoffe noch viel von dir zu hören, halte dir die Daumen,

deine Dagmar

Re: Ich bin eine Diagnose

BeitragVerfasst: 01 Jul 2009 06:47
von Sabine T.
Liebe Birgit, ich danke dir für deinen Mut und die Offenheit.Trotz deiner Wut
spricht soviel Wärme aus deinen Zeilen. Ich wünsche Dir alles erdenklich Gute
und unendlich viel Kraft. Sabine

Re: Ich bin eine Diagnose

BeitragVerfasst: 02 Jul 2009 08:57
von Irene Gattiker
Liebe Birgit
Ich weiss nicht ob ich diese Krankheit besiegen kann, aber ich habe gelernt damit umzugehen und zu leben! Auch mit der Angst lässt es sich leben, aber das braucht einfach ein bisschen Zeit...
Liebe Grüsse an die starke, mutige Frau!
Irene