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Gedankenüberschuß, Teil 3

BeitragVerfasst: 01 Jun 2009 10:42
von dtroestler
Es kommt , manchmal alles tatsächlich so, wie man es sich erhofft hat… seit 27. Mai 2009 bin ich offiziell Krebsfrei, mit Prüf und Siegel sozusagen, laut histologischem Befund sind mir entnomene Organe und 30 Lymphknoten krebsfrei somit auch ich, als ehemalige Besitzerin, dieser. Ich muss schwer schlucken beim schreiben des Wortes Krebsfrei, noch habe ich mich nicht ganz daran gewöhnt, wieder gesund zu sein- ich bin mit dieser Aussage sehr vorsichtig, und wage es nur manchmal daran zu denken und versuche nicht in all zu große Euphorie zu verfallen. Habe irgendwie Angst es zu genießen, denn es kann ganz schnell alles anders sein.
Aber es ist dennoch sensationell, denn laut den Ärzten war meine Diagnose eher wild, mit Brustkrebs und Muttermundkrebs auf einmal, das sieht man auch bei den erfahrenen Herren Doktoren selten, wie sie sagten, um so erstaunter waren sie alle nachher, man kann ja überraschen, so unautonom sind wir Patienten nicht.

So, jetzt aber, mache ich Urlaub von den Ganzem, fast 3 Wochen habe ich Behandlungsfrei, bis meine Radiotherapie anfängt, 25 Bestrahlungen extern, 2 Brachytherapien - von innen. Ich wurde aufgeklärt was da auf mich zukommt- es wird wieder heiter, die Nebenwirkungen, Früh und Spätfolgen, ich werde mich aber erst später damit befassen und es soll nicht so schlimm wie Chemotherapie sein, sagte die junge Ärztin. Und die habe ich überlebt, na bitte schön, da werde ich wieder um eine Erfahrung reicher- da fällt mir eine lustige Grabschrift ein- hier lag eine, die alles was man nicht muss, erlebte… Ob das nicht ein Omen ist, in meinem Bekanntenkreis und näherer Umgebung bin ich die einzige Exotin, mit so viel Krebserfahrung, manche wissen nicht einmal, dass sie solche Organe haben, die ich nicht mehr besitze, alle sagen du bist ja schon ein Profi darin, unglaublich, dass du das so schaffst. Ich hätte, aber auf diese Erfahrungen gerne verzichtet, stattdessen vielleicht ein Fallschirmsprung gemacht- von wegen Adrenalin, Todesangst und Glücksgefühle im Nachhinein, wenn alles gut geht.

Nun, die Zeit werde ich meinem geschundenen, so leidgeprüften Körper widmen, zuerst müssen alle Narben verheilen, sowohl von außen als auch von innen, ich muss mir jetzt Zeit nehmen, gut essen, viel schlafen, mich pflegen, mir viele Sachen, die mir Spaß machen, gönnen.

Viel mehr Zeit aber, wird meine Seele und Hirn brauchen, um zu realisieren was da eigentlich in den letzten 2 und halb Monaten passiert ist… ich fragte mich nämlich eines, die ganze vergangene Zeit hatte mich, mehr oder weniger, nur ein Gedanke am Leben gehalten, du wirst gesund und kehrst in dein altes Leben zurück, aber was ist jetzt, will ich mein altes Leben wirklich zurück, oder hat mich die Krankheit, die Erfahrung, dass es schnell vorbei seien kann, doch all zu sehr verändert? Habe ich Dingen entgegen gefiebert, die doch nicht so wichtig sind? Irgendwie bin ich jetzt froh, dass noch eine Therapie kommt, die fast 6 Wochen dauert, denn diese Zeit werde ich noch unter Schutz sein und kann mir alles genau überlegen. Bis dato ginge alles viel zu rasend, ich muss ja auch nachkommen, ich muss das auch alles realisieren.

Ich bin dankbar am Leben zu sein… Das ist das erste woran ich beim aufwachen denke.

Eure Dagmar


Nur das Unbekannte ängstigt den Menschen. Sobald man ihm die Stirn bietet, ist es schon kein Unbekanntes mehr, besonders wenn man es mit hellsichtigem Ernst beobachtet.

Aus Wind, Sand und Sterne von A. de Saint-Exupéry

Re: Gedankenüberschuß, Teil 3

BeitragVerfasst: 01 Jun 2009 10:57
von Simone_k
Liebe Dagmar, habe Tränen in den Augen, muss das erst mal sacken lassen. Erstmal schönen Urlaub vom Krebs, liebe Grüße!

Re: Gedankenüberschuß, Teil 3

BeitragVerfasst: 01 Jun 2009 11:19
von Sabine T.
Liebe Dagmar, wie wunderschön so viel Positives zu lesen. Ich habe jedesmal Herzklopfen bei
einem neuen Beitrag von Dir. Bei uns ist am 8.Juni wieder eine Kontrolluntersuchung angesagt.
Deine Zeilen machen Mut und geben Kraft. Ich wünsche Dir weiterhin gute Besserung, erholsame
und entspannte Tage. Liebe Grüsse Sabine

Re: Gedankenüberschuß, Teil 3

BeitragVerfasst: 01 Jun 2009 12:46
von wered
Liebe Dagmar,

vieles was Du schreibst kommt mir sehr bekannt vor.
Besonders der Inhalt im letzten Abschnitt Deiner Post.

Nach meinem Krebsbefund wollte ich zurück ins alte
Leben.
Könnte ich doch nur ins alte Leben zurück!
Nur die allereinfachsten Dinge tun. Nur noch einmal
in die Sauna. Und, und....

Mehr als zweieinhalb Jahre nach meinem Krebsbefund
stehen jetzt Entscheidungen an. Schwere, schmerzliche.
Die ursprünglich mit Krebs nichts zu tun haben.
Eher schon mit Kränkung, gekränkt werden und dass ich
diese hingenommen habe. Jahre lang.
Lange vor dem Krebs.
Neu ist dass es mir erst jetzt gelingt (meistens) niemanden mehr einen
Vorwurf zu machen.
Ich übernehme die Verantwortung für mein Leben allein!

Eine Freundin sagte einmal "ich habe meinen Weg gefunden-
nein, eigentlich fand mein Weg mich."
Sie konnte warten-nahm sich viel Zeit.

Dagmar,
lese ich Deine Post wird immer immer ganz warm um's Herz.
Wirklich!
Soviel lebendiges, lebensbejahendes springt förmlich auf mich über.
Und macht mir Mut weiter nach Antworten zu suchen auf
Fragen die der Krebs mir stellt.

Vielen Dank

wered

Re: Gedankenüberschuß, Teil 3

BeitragVerfasst: 01 Jun 2009 17:45
von cessna
Ach Dagmar, ist DAS SCHÖN! Ich freue mich so für Dich. Erhole Dich gut von den OP's. Die Radiotherapie ist nicht mit Chemotherapie zu vergleichen. Es hängt natürlich auch davon ab, wie gut man es verträgt. Ich bin 8 Wochen frühmorgens zur Bestrahlung und von dort gleich weiter zur Arbeit gefahren. Habe in der Zeit auch Sport gemacht. Wichtig ist, den Kopf wieder frei zu bekommen, wie Du schon schriebst, dauert das sehr lange.

Einen schönen Urlaub vom Krebs und von Behandlungen, alles Gute für Dich
wünscht Dir
cessna