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ICH BIN ICH

BeitragVerfasst: 23 Mai 2009 19:27
von I.J.
ICH bin ICH.
ICH habe jetzt eine Glatze. ICH mag meine Glatze. ICH schäme mich für meine Glatze. ICH weigere mich eine Perücke zu tragen. ICH habe Angst. ICH bin mutig. ICH bin traurig. ICH bin witzig. ICH bin wütend. ICH bin klug. ICH habe Krebs. ICH bin 45. ICH sehe manches mit anderen Augen. ICH bin nicht mehr ganz die alte. ICH bin ICH und nicht nur ein PATIENT. ICH lasse mir helfen. ICH bin depressiv. ICH tue was ich kann. ICH will leben. ICH finde das alles so ungerecht. ICH tue mir leid. ICH tue gar nichts. ICH tue mir Gutes. ICH will meine Augenbrauen wieder haben. ICH bin ICH.

I was sent to Coventry

BeitragVerfasst: 26 Mai 2009 17:12
von I.J.
Ich finde es zum Kotzen, dass

- Leute versuchen, unauffällig die Straßenseite zu wechseln wenn sie mich sehen
- Kollegen sich nicht mehr melden, obwohl sie mich früher mit e-mails und Smalltalks bombardiert haben
- Freunde plötzlich "keine Zeit" mehr haben und sich "später dann" mal melden wollen ...
- Leute mich nur noch mit der Krankheit assoziieren und mich damit ins PATIENTENGHETTO schicken
- Leute plötzlich in einem anderen Ton mit mir sprechen (entweder betont fröhlich, oder mit gramgebeugtem Tonfall,
andere als ob ich altersschwachsinnig wäre)
- Leute es mir zum Vorwurf machen, dass ich trotz allem noch manchmal Witze mache
- Leute ihr Helfersyndrom über mich stülpen und wenn ich nicht nach ihrer Helferpfeife tanze, sich mit vorwurfsvoller Mine
aus dem Staub machen und mich als undankbar darstellen
- Kollegen Gerüchte verbreiten
- Leute ihre Hilfe anbieten und wenn es soweit ist, sie nicht ans Telefon gehen oder "keine Zeit" haben
- Leute die nicht mehr MIT mir, sondern nur noch ÜBER mich reden
- Leute IHRE Ängste auf MICH projizieren und deshalb MICH meiden

Re: ICH BIN ICH

BeitragVerfasst: 26 Mai 2009 18:54
von dtroestler
Liebe I.J.,

hier macht so etwas niemand, deswegen bist du hier, wir sitzen alle im selben Boot, haben mehr oder weniger das gleiche, auch wenn verschiedene Organe. Willst du nicht vielleicht mehr schreiben darüber welche Art von Krebs du hast, wann du erkrankt bist, was dich sonst wo drückt. Es kommen sicher Antworten und Tipps, wie du mit solchen unangenehmen Situationen umgehen kannst, ich helfe dir gerne- wenn du willst. Aber dass diese Krankheit das Korn vom Spreu trennt ist klar, extreme Situationen im Leben sind nun mal so.

Kopf hoch und positiv denken...

Melde dich, du bist stark, das spüre ich, deine Dagmar.

Re: Coventry

BeitragVerfasst: 28 Mai 2009 09:53
von Ernst
Und Sie, gnädigste I.J.? Es mag kurzfristig erleichternd zu sein, seine Befindlichkeit herauszuschreien oder sich auszukotzen. Aber was bringt es Ihnen langfristig? Jeder Mensch muss an irgendeinem Zeitpunkt seines Lebens durch ein Feuer gehen. Dieses reinigt nicht nur, sondern wie den weichen instabilen Ton härtet es den Menschen und macht ihn gegen kleinliche Angriffe stabil. Er kann dann ein Gefäß werden, das nicht nur Schmerzen, Ungerechtigkeit und Wut erträgt, sondern auch ihre Gegenspieler.
Jede Krankheit hat mit unbewußten oder offenen Aggressionen zu tun, und damit, wie wir mit den Ereignissen und Menschen umgehen, die uns auf unserem Weg begegnen. Wie wir mit den Dingen (und Undingen) umgehen, das entscheidet über unser Wohlbefinden!
Nur Sie selber tragen die Verantwortung für die Art und Weise, wie Sie mit sich und anderen innerlich und äußerlich verfahren möchten.
Wenn Sie sich stigmatisiert fühlen (durch fehlende Haare), bedenken Sie, dass auch diese Erfahrung viele andere Menschen erleben und orientieren sich an diesen.
Wahrscheinlich möchte ein wütender Mensch sowas nicht hören, ich habe trotzdem keine Scheu es ihnen zu schreiben. Schlimmer als die Wut ist der darunterliegende Schmerz, wenn Sie diesen zulassen und aushalten (ein Meer von Tränen), wird der aggressive und zynische Schutz-Panzer überflüssig.

Re: Coventry

BeitragVerfasst: 28 Mai 2009 10:10
von I.J.
Hobbypsychologische Fehlanalysen von Forumsbeiträgen -unter einem Professorenpseudonym :lol: - finde ich auch zum Kotzen ... und langweilig.

Re: ICH BIN ICH

BeitragVerfasst: 28 Mai 2009 10:19
von Ernst
Etwas in der Art habe ich erwartet, gnädige Frau, Ihr untertänigster Professor Ernst. P.S. Lachen Sie weiter, das ist gesund!

Re: ICH BIN ICH

BeitragVerfasst: 04 Jun 2009 09:15
von Ernst
Im nachhinein erkenne ich, dass meine Entgegnung auf Ihre Prosa, I.J., unüberlegt war. Es war nicht meine Intention, jemanden zu analysieren oder ihm zu nahezutreten - dennoch habe ich es offensichtlich getan. Werde mich bemühen, meine Worte sorgfältiger zu sortieren und zu wählen, P.E.

Re: ICH BIN ICH

BeitragVerfasst: 04 Jun 2009 23:20
von Plutonia68
Lieber Professor Ernst,
mir hat das, was Sie auf I.J. Prosa geantwortet haben, inhaltlich durchaus sehr gut gefallen. Aber ich stimme Ihnen zu, dass Sie damit I.J. persönlich schon sehr nahe getreten sind.
Ich finde es aber sehr groß von Ihnen, dass Sie Ihre Worte zurück genommen haben und in der Auswahl derselbigen Besserung geloben. In diesem Fall ist es auch wirklich angebracht,
weil es I.J. ganz sicherlich verletzt haben muss, vor allem, weil I.J. sich sehr geöffnet hat - was ich toll finde! Aber insgesamt bitte ich Sie darum, Ihre wertvollen Beiträge nicht zurück zu halten. Vielleicht
könnten Sie weniger persönlich auf die einzelnen Forumteilnehmer reagieren, aber dennoch das, was Sie sagen möchten, sagen? Ich jedenfalls empfinde Ihre Beiträge als sehr wertvoll und bereichernd, auch wenn sie manchmal etwas schmerzhaft sind...

Beste Grüße,
Plutonia68

Re: ICH BIN ICH

BeitragVerfasst: 05 Jun 2009 13:38
von Ernst
Bedanke mich für Ihre Worte, Plutonia, und weiß sie sehr zu schätzen. Ich werde Ihren Rat beherzigen und hoffe nur noch, dass auch I.J. mir den Fehler verzeihen kann, ich bedaure sehr, dass ich Sie missgedeutet, nicht verstanden und so unfreundlich zurechtgewiesen habe. Ihre Prosa ist in der Tat sehr offen, wie ich inzwischen bemerkt habe, und hat es in keiner Weise verdient, verletzt zu werden. Ich habe mich von einer ungünstigen Stimmung zu meiner Antwort hinreißen lassen.
Das Bild des Tongefäßes, das gehärtet wird, ist immer noch in mir lebendig und führt mir vor Augen, dass mein eigener Reifeprozess in vollem Gange ist. Gleichzeitig kam mir eine Geschichte in Erinnerung (Buchtitel und Autor sind mir leider entfallen), in der eine Frau von einem Traum berichtet:
Sie steht vor einem Scherbenhaufen, ihr Leben ist von Schicksalsschlägen und Krankheit völlig zerschlagen und zerstört. Nun steht sie blind vor Tränen der Verzweiflung, Schmerz, Trauer und Wut davor und ist wie gelähmt. Alles ist aus. Doch dann beginnt sie, einer Eingebung folgend, die Scherben wie Mosaiksteine wieder zusammenzusetzen, zu kitten und hat nach der geduldigen Arbeit wieder ihr Gefäß in der Hand. Sie staunt nicht schlecht, als sie feststellt, dass die Fugen ein kunstvolles Mosaik bilden, durch das die Sonnenstrahlen hindurchbrechen. Ihr Gefäß leuchtet und funkelt und ist schöner als vorher...