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Gedankenüberschuß

BeitragVerfasst: 15 Mai 2009 16:40
von dtroestler
So schön wie hier kanns im Himmel gar nicht sein… Danke an Christoph Schlingensief für dieses Forum... und für sein Buch hilft ungemein!

Ich grüsse alle mutigen, ich bin Dagmar 36 Jahre jung und das ist meine Geschichte...

Die Chemo ist endlich vorbei und ich habe ein paar Gedanken aufgeschrieben, die letzten Wochen noch einmal Revue passieren lassen. Denn schreiben tut gut und Gedanken ordnen sowieso. Bevor ich operiert werde, habe ich noch ein paar Tage zum erholen, es geht mir gut, fast so wie nichts passiert wäre.

Ab 30.3. um 16uhr wurde mein Leben plötzlich anders, ich habe die Diagnose, Zervixkarzinom, erfahren, die Worte gehört, die ich niemandem wünsche zu hören, ich hatte das Gefühl denn Boden unter den Füssen zu verlieren, ich habe aber nicht geweint, ich war nicht traurig, mir käme es fast so als werde ich mit dem Arzt über jemanden anderen sprechen. Ich habe ihm gesagt, das ich das eh wusste, dass ich Krebs habe, ich habe es gespürt, so wie vor 5 Jahren mit Schilddrüsenkrebs- meine Intuition hatte mich nicht getäuscht, auch diesmal nicht.

Die Angst hatte aber vor der Tür auf mich gewartet…

Das Leben bringt immer nur soviel wie man ertragen kann... habe ich irgendwo gelesen, das trifft genau das was ich mir denke. Ich habe schon einige schlimme Erfahrungen hinter mir und die habe ich, so gut wie ich konnte, gemeistert. Natürlich war die Diagnose im ersten Moment ein Schock- darauf ist niemand vorbereitet und das kann man auch nicht beschreiben, es ist eine absolute Ausnahmesituation. Aber noch schlimmer waren die drei Wochen bis alle notwendigen Untersuchungen sog. Staging gemacht waren. Nicht zu wissen wie weit der Krebs ist, ob sich schon Metastasen gebildet haben und das wichtigste- ob eine Chance auf Heilung besteht!!!

Das waren die anstrengendsten und längsten 2! Wochen meines Lebens.

Ich bin aber noch nicht zu spät gekommen- es hat sich zwar eine Zelle davon gemacht und hatte sich in der Brust ausgebreitet- also habe ich auch Brustkrebs, aber das wird jetzt im einem durch die Chemo im Schach gehalten, die Tumore müssen sich abkapseln, eventuelle Zellen werden abgetötet- leider auch die gesunden- dass man sie durch eine ziemlich aufwendige Operation herausschneiden kann. Diese Tumore sind nämlich brüchig und wenn da eine einzige Zelle überbleibt habe ich den Krebs wieder, deswegen wird schon vorher Chemo gemacht und wahrscheinlich auch danach. Aber es ist operabel, also ich habe eine hohe Überlebungschance- darauf glaube ich und auch auf die Kraft die mein Körper hat. Ich habe meine Familie, Freunde, Bekannte, meinen Glauben an mich selbst und sonst auch viel positiver Energie.


Die habe ich auch während der Chemotherapie gut brauchen können, was auf mich zukam übertraf alle Vorstellungen. Ich bekam sie in 3 Zyklen, jeweils 4 Infusionen alle 10 Tage. Cisplatina und Holoxan- die bestimmten die letzten 4 Wochen. Ich war 3 Tage im Krankenhaus, wegen den argen Nebenwirkungen, und der Tropf lief 12 Stunden lang, denn ich musste 8l Wasser trinken und 8l intravenös, diese Mitteln schädigen nämlich die Nieren und die wollte ich nicht verlieren. Sobald der letzte Tropfen in mir war, schlägte die Chemie mir voller Wucht zu. So übel war mir noch nie… heftige Kopfschmerzen und Schüttelfrost, sich ständig zu übergeben. Ich hatte das Gefühl ich bin in der Hölle gelandet. Da kam mir zu ersten mal der Gedanke: Wieso ich? Was habe ich schlimmes getan um so leiden zu müssen… Wieso ich? Später habe ich eine schöne
Antwort darauf gelesen:
Mathematiker würde fragen: Wer denn sonnst? Rein statistisch ist jeder 10te dran und das bin eben ich, so ist das und da muss ich eben durch.

Als ich dann nach hause kam, zum erholen, war es noch ein paar Tage unangenehm- im Mund ein pelziges Gefühl, mein Geschmack war weg, es kam mir vor als würde ich Watte essen, aber ich zwingte mich, denn ich dürfte nicht abnehmen um die Operation gut überstehen zu können. Die Haut voller Ausschlag und extrem trocken, mal Durchfall mal schmerzhafte Verstopfung. Die Hände zittrig und das kribbeln in den Fingerkuppen als hätte ich Ameisen verschluckt. Meine Haare haben begonnen zu ausfallen, aber ich habe sie ganz kurz schneiden lassen- jetzt sehe ich aus wie ein frecher Junge, und habe sie einigermaßen erhalten können, keine Glatze zu haben ist wirklich angenehm. Denn draußen vor der Tür ist man- rein äußerlich, für alle normal. Und das war auch meine Überlebungsstrategie. Ich habe mich trotz alle dem hübsch gemacht, in die Stadt fahren lassen, rausgegangen, mit Kindern gespielt, Leute angerufen… Hauptsache ich sitzte nicht alleine zu hause, denn schlecht ist mir wo anders auch, aber ich habe Ablenkung und die Zeit vergeht so schneller! Und es ginge mir auch jeden Tag immer besser, ich fühle mich wie ein Konzentrat meines früheren Selbst, körperlich und psychisch… Ich fühle mich stark genug diesen Krebs besiegen zu können. Und ich bin voller Lebensfreude.

Jetzt ist fast Mitte Mai und am Donnerstag wird die Brust noch einmal untersucht und am Freitag fahre ich in die Klinik um Operationstermin auszumachen. Operiert werde ich so schnell wie möglich, um den 19ten herum, um weiteren Ausbruch der Krebszellen nicht zu riskieren, deswegen muss es schnell gehen.
Ich will diese paar Tage nützen um mich von den Strapazen des letzten Monats zu erholen, gut essen, schlafen, das Leben genießen, Bücher lesen, all diese kleinen Dinge haben plötzlich andere Bedeutung für mich- eine Handvoll frischer Erdbeeren, die schmecken, sind das schönste was es gibt… ein schönes Gespräch mir jemandem der zuhört, oder innige Umarmung meiner Kinder, ich kann sagen, dass ich glücklich bin dieses Leben zu haben…


Eines ist mir klar geworden: alles was einem passiert hat eine Bedeutung und ich bin froh das erkannt zu haben…


Haltet mir bitte die Daumen und schreibt wenn nötig

euere Dagmar

Re: Gedankenüberschuß

BeitragVerfasst: 23 Mai 2009 10:43
von David Lichtling
Liebe Dagmar,

ich drücke dir alle Daumen für die OP! Ich wünsche dir, dass sie gut verläuft. Ich würde mir wünschen, dass mehr Menschen wie du und ich hier in diesem Forum einfach ihre Geschichte erzählen können, sich austauschen können über ihre Gefühle und Träume. In den anderen Posts wird darüber diskutiert, für wen dieses Forum sein sollte und für wen nicht. Und es werden Bewertungen vorgenommen...sehr schade!

Bei einer Krebserkrankung kann man von außen keine Bewertung vornehmen. Christoph Schlingensief hat es in seinem Buch geschrieben...jeder Krebs ist individuell, jede Behandlung ist individuell und jeder Mensch geht mit seiner Krebserkrankung individuell um.

So sollte man hier einfach den Austausch fördern und vor allen Dingen ein Netzwerk entstehen lassen, in dem sich Menschen rat holen können und Unterstützung!

Lass von dir hören und von deiner weiteren Behandlung!
Alles Liebe
David

Re: Gedankenüberschuß

BeitragVerfasst: 26 Mai 2009 16:56
von Kleiber
Hi David, wie geht es dir? Ich hab mal ne Frage zu deiner Antwort auf Dagmars Gedankenüberschuß.
Also ich finde auch, man sollte sich hier austauschen können. Es soll ja vorkommen, dass man sich ein Urteil über andere bildet, da eigentlich jeder versucht, die anderen Leute irgendwie einzuschätzen, um dann mit ihnen klarkommen zu können. Das sollte natürlich nicht in Schubladendenken ausarten, ne. Aber um zu meiner Frage zurückzukommen: Du schreibst grade, dass im Forum Leute oder Krankheiten von aussen bewertet wurden. Hab mal ein bisschen rumgeschaut, aber habs nicht gefunden. Welche Bewertung meinst du denn?