Seite 1 von 1

Hurra, ich lebe (palliativ)! Teil I

BeitragVerfasst: 23 Jul 2010 23:11
von sabine
Hallo,
schon lange beobachte ich dieses Forum und wegen vieler kleiner bis riesiger Schwierigkeiten wollte oder konnte ich doch keine Minute meines nun so kostbaren Lebens ans unendliche Datenall verlieren. Jetzt geht es mir gerade gut , so daß ich mir den Luxus gönne hier teilzunehmen. Warum nur?
Ich möchte auch Gehör finden mit meinen Gedanken und der Geschichte meiner Entwicklung in der Krankheit. Es soll nicht alles umsonst sein! Ein schöner Gedanke es könnte jemand anderem weiterhelfen.
Noch dazu kommt dass ich mein Schicksal mit Herrn Schlingensiefs Schicksal verknüpft sehe, worüber der natürlich nichts wissen und können kann. Ich möchte meine Geschichte chronologisch erzählen, die prägenden Gefühle nochmal aus der Erinnerung erzählen und so auch für mich und meine Familie festhalten.

Herbst 2008:
Zirka im Sommer 2008 erscheint im SZ-Magazin ein Bericht über Christoph Schlingensief und seine Krankheit. Der Artikel hat mich sehr betroffen gemacht, wieviel Angst hätte ich wohl an seiner Stelle? Ein Bild hat sich mir eingeprägt: das Röntgenbild seiner Lunge, daß in einem Schrein eingefaßt ist.
Mir geht es selbst nicht sehr gut in diesem Herbst. Ich war 42 Jahre alt, Hausfrau, verheiratet, 2 Kinder mit 4 und 6 Jahren, kleine Aufträge nebenbei.
Ich war nur ständig müde, geplagt von nicht heilbaren Rückenschmerzen, Nachtschweiß, Joggen gab ich wegen Atemnot auf. Es heißt, ich hätte Haltungsfehler, Verspannungen im Rippenbereich, sonst wäre alles o.k.. Im November bekam ich Reizhusten.

Dezember 2008:
Am 15.12.08 kommt die neue Hausärztin auf die Idee ein Röntgenbild machen zu lassen.
Der Radiologe sagt nichts, nur "schauen sie mal" und dreht den Monitor zu mir. Meine linke Lunge auf dem Bild ist von oben bis unten weiß. Da muss ich an den Schrein denken und ich weiß ab jetzt ist alles anders und warte auf einen Brief fürs Krankenhaus und gehe wie eine Hamster im Rad in der Praxis hin und her und ich fahre meinen Sohn vom Kindergarten abzuholen, meine Tochter braucht was zum Mittagessen, mein Mann ist auf dem Handy nicht erreichbar, ich muss ins Krankenhaus, ich werde wahnsinnig...
Am 23. 12. 08 bekomme ich meinen Befund: Adenokarzinom der Lunge mit Absiedelungen, ausgedehnte Pleurametastasen, Lebermetastasen, Verdacht auf Knochenmetastasen im linken Oberarm. Ich bin inoperabel, ein palliativer Fall. Bei eine Punktion werden 1,5l Erguss aus meiner Pleura abgelassen. Eine Pleuradese wird gemacht, danach eine Pumpe installiert, die in den nächsten Tagen noch einmal 1,5l abgesaugt. Ich komme nach Hause, es ist Weihnachten, der wichtigste Tag des Jahres für alle Kinder, Hochsaison für Hausfrauen. Ich kann kaum gehen, ohne operiert worden zu sein. Ich brauche 3 Tavor und 3 Schlaftabletten um nicht ständig zu weinen, ich fühle mich wie ein Blumentopf. Ich habe das Gefühl ich gar nicht mehr dazuzugehören, so will ich nicht, kann ich nicht.
Ich kann meine Kinder kaum anschauen. Ich sehe Halbwaisen, mutterlos, sie sind noch so klein. Die Angst vor diesem Abschied ist so groß, so traurig.
Ich wollte sie aufwachsen sehen, was werden sie für Menschen? Wird sich mein Sohn noch an mich erinnern. Er ist so klein und glatt. Wer wird meiner Tochter den ersten BH kaufen? Wer meinem Sohn die Schultüte packen und ihn jeden Tag ordentlich anziehen? Wer wird ihre Wünsche anhören? Die meiste Zeit des Tages liege ich im Bett und starre ins Nichts. Ich möchte schlafen und kann nicht. Was mir hilft, wenn meine Schwester mich in den Arm nimmt und mir etwas vorliest. Selbst kann ich kaum lesen. Ich bin in einer Art Wachstarre, gebannt in permanenter Todesangst, Angst um die Zukunft meiner Kinder, viele Gedanken an meine Beerdigung.

Re: Hurra, ich lebe (palliativ)! Teil I

BeitragVerfasst: 08 Aug 2010 10:47
von Simone_k
Liebe Sabine,

beim Lesen deiner Geschichte, scheint es mir fast unmöglich, mich da reinzuversetzen in
deine Gefühlslage:

zu viel Schrecken, Horror und Schwärze, ich kann die eisige Lähmung fast spüren, die dich umgab.
Besonders zu der Zeit, als dir Flüssigkeit aus der Lunge abgepumpt wurde und zu Hause die Kinder in
Weihnachtsstimmung auf dich warteten: unerträgliche Vorstellung.

Ich hoffe, es geht dir inzwischen besser, du atmest wieder auf ?

Herzliche Grüße

Simone