Respekt Herr Schlingensief

Für alles was da weiter oben keinen Platz findet...

Respekt Herr Schlingensief

Beitragvon Birgit O. » 10 Jul 2009 17:50

Hallo,

habe gestern Abend "Deutschland Deine Künstler" im ARD gesehen, und bin beeindruckt.

C. Schlingensief hat mit seinem Buch, seinen aktuellen Aktionen und Beiträgen, und dem was er sagt, mir meine Sprachlosigkeit genommen. (Nicht erst seit gestern ;-)) Mir fehlen selbst oft noch die Worte, aber ich finde sie bei ihm. Und das ist ja auch Kunst, Menschen zu erreichen, eine Nachricht rüberzubringen. Ich hoffe, dass bald mal wieder eine Aufführung in NRW stattfindet, die ich besuchen kann. Er bringt mich zum Weinen, einem Weinen mit einem Lächeln. Einem Weinen das meine Seele reinigt, die aktuell belegt ist mit Angst und Krankheit, aber auch mit Freude und dem Leben, und Freundschaft und guten Gesprächen und einer wilden Lebenslust.

Respekt für so viel Mut, Tapferkeit und Anarchismus ;-). Er ist dem immer treu geblieben, was ihm heute eine enorme Kraft gibt. Das vermute ich jetzt einfach mal. Und das ihn glaubwürdig und ehrlich macht.

Mir selbt hilft seine Fragestellung "Wer war ich? Wer bin ich? Werde ich sein?" Und ich weiß die Antwort, und zwar "ICH, ICH, ICH". Da hat sich nicht viel geändert, denn es muss sich durch die Erkrankung auch nicht alles ändern. Wenn mein Leben vorher schon gut war, kann es ja jetzt auch noch besser werden.

Ich hatte mich die Ganze Zeit mit Folgendem beschäftigt, und hier die Antwort für mich gesucht. "Sagte die Seele zum Körper man beachtet mich nicht. Geh doch mal vor, damit man sich auch um mich kümmert. Das sagte der Körper, ich werde einfach krank, und dann wird man sich auch um dich kümmern."

Das war ein Irrglaube. Meine Seele ist und war nicht krank, ich habe sie immer gestreichelt und geliebt und gelebt.

C. Schlingensief vermittelt mir mit dem was er tut und sagt, dass die Seele zu schnell für den Körper sein kann. Und das ist die "Message" die ich aus seinen Aktionen für mich gewonnen habe, die mich sehr weit bringt. Mein Körper ist zu langsam für meine Seele, und da will ich zukünftig drauf achten. Und so kann ich dann auch weiterhin autonom sein. In dem ich erkenne, und mich selbst noch mehr bestimme,. aber auch Rücksicht auf mich nehme. Wenn ich es kann. Ich vergesse das halt auch oft wenn ich leidenschaftlich lebe, und alles um mich herum vergesse. Aber gegebenenfalls ist das der Preis für ein leidenschaftliches und ehrliches leben. Das wird das Leben zeigen. Es ist ja auch irgendwie spannend. Wieviele meiner Grenzen kann ich erreichen?

Ich will diese Plattform jetzt einfach auch mal dazu nutzen, nicht nur über Krankheit und Tod zu schreiben. Was ist mit der Lebenslust, der -freude und -besessenheit. Ich würde mich freuen, wenn nach der Bewältigung der Angst und Bedrohung durch den Terroristen in uns das folgt. Immer mit einer gewissen Ehrfurcht und Dankbarkeit. So empfinde ich das, und ich freue mich, auch neue Gefühle und Gedanken in mir zu entdecken, und immer noch stärker für das Leben zu werden. Man muss aber auch bedenken, dass alles Neue ja schon in einem war, und jetzt einfach aktiviert wird und einen bereichert.

Ich weine aber auch. Und das sollte man auch immer wieder mal für sich tun, denn man darf auch ängstlich und traurig sein.

Danke für all die Worte die von mutigen Menschen noch gesagt werden, da viele schon resigniert haben, und sich einfach zurück ziehen. Mir geben sie in diesem, einem für mich bisher einzigartigsten Moment meines Lebens ganz viel.

Und noch was möchte ich hier gerne loswerden. Mir wird von Ärzten und Krankenpersonal immer gesagt, dass ich jetzt nur an mich denken soll. Ja, mit Krebs bekommt man den Freischein. Wer aber denkt, dass er durch den Krebs der Mittelpunkt des Lebens wird, der irrt sich. Man sollte sein Mitgefühl und sein offenes Ohr für seine Freunde, seine Familie und seine Mitmenschen nicht verlieren. Die leiden auch. Ich finde, dass ich nur autonom sein und bleiben kann, wenn ich nicht zum egoistischen Arschloch werde, so wie ich es vorher auch nicht war. Also mir selbst treu bleiben. Wenn ich Hilfe brauche, werde ich eh automatisch Mittelpunkt meiner Lieben. Die aber umgekehrt auch bei mir.

Ich will hiermit keinesfalls die Chemotherapie und weitere Therapieformen als Ausnahmezustand in Frage stellen, und wünsche keinem irgendein Leid. Und man hat auch das absolute Recht zu sagen, dass das alles eine ganz große Scheiße ist. Aber, trotz Haarverlust und körperlicher Eingeschränktheit und ähnlichem, wir sind wir, und wir sind wer, und wir denken, haben was zu sagen, und wir leben, so oder so. Und das ist das einzige was im Moment zählt. Und daher bleibt Euch möglichst treu, und lasst Euch nicht das nehmen, was Ihr seid und habt.

Danke C. Schlingensief, der mein Leben seit seinem Kettensägenmasaker immer wieder inspiriert hat.

Macht kaputt was Euch kaputt macht!!!

Liebe Grüße,
Birgit O.
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Re: Respekt Herr Schlingensief

Beitragvon Simone_k » 10 Jul 2009 20:18

Hallo Birgit,

ja, das war ein guter Film über Christoph Schlingensief gestern abend. Mir ist noch die Szene vor Augen, wo er auf der großen Kollage mit Röntgenbild der Lunge seine Lebensstationen einzeichnet mit raschen, weitausholenden Kurven und dann mit schwarzem Edding so Sachen hinschreibt, wie: HIER BIN ICH JETZT, und TOLERANZGÜRTEL, und wie der überschritten wurde mit Pfeilen. Das zeigt, dass er ziemlich nachforscht, was überhaupt passiert ist, was die Krankheit bedeutet, was es mit ihm zu tun hat.

Und deine Fragen jetzt zum intensiven, „besessenen“ und leidenschaftlichen Leben beschäftigen mich auch.
Es gibt viel Kraft und Freude, sich treu zu sein, sein Leben auszukosten und sicher gibt es auch Energie und Selbsterkenntnis, an seine Grenzen – oder auch mal drüber hinauszugehen.

Wie du sagst, kann man dabei zu schnell werden, für die eigene Seele und den Geist – das ist ein ganz wichtiger Punkt, glaube ich.
Da auf sich selber Rücksicht zu nehmen, warten, bis alle seelischen Eindrücke sich setzen konnten und gut angeschnallt sind, bevor die Achterbahnfahrt wieder losgeht, das ist ganz entscheidend für die Gesundheit.

Und ich selber finde es für mich äußerst wichtig, mir Pausen zu gönnen, niemanden zu sehen und zu hören. Das ist aber natürlich eine Wesensfrage.
Anfangs hatte ich Angst, einfach zu verschwinden, wenn kein anderer Mensch in meiner Nähe oder ansprechbar ist. Mit den Jahren habe ich durch das wiederholte Aushalten und die Bewältigung dieser einsamen Pausen entdeckt, dass ohne Bespiegelung des Egos etwas viel Stärkeres und Größeres in mir selbst erwacht und wachsen kann, mein „wahres Selbst“ wie ich es mal pathetisch nennen möchte.
Das ist eine gute Übung, und gibt viel Kraft und Stärke.

Ja, sich diese Pausen zu gönnen und dann wieder in den Trubel des Menschseins gestärkt zurückkehren zu können, das ist auch eine Kunst.
Ich muß allerdings aufpassen, dass ich nicht zur Eremitin werde oder gar eine Soziophobie entwickele, aber auch damit muss ich anlagebedingt klarkommen.

Liebe Birgit, du bist eher der lebenshungrige, leidenschaftliche Typ, dann ist das für dich unverzichtbar, aber wie du schreibst: Rücksicht auf dich selber nehmen ist ein guter Weg.
Es sei denn, du hast die Maxime „Live strong and die young“ zutiefst verinnerlicht, das hat ja auch wirklich eine starke Anziehungskraft (für mich als jüngerer Mensch gehabt).

Bleib weiter zuversichtlich, und inspiriert

Liebe Grüße
Simone
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Re: Respekt Herr Schlingensief

Beitragvon Anne » 11 Jul 2009 09:05

Liebe Birgit,

Du sprichst mir aus dem Herzen,...Danke!
Gruß
Anne
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Re: Respekt Herr Schlingensief

Beitragvon Ernst » 12 Jul 2009 13:50

Hallo Birgit,

das sind erfrischend offene Worte von Ihnen.

Ich bin Ihrer Meinung: nichts gibt mehr Kraft, als sich selber
treu zu sein - wenn man sich erstmal gefunden hat.

Herr Schlingensief scheint da schon länger auf dem richtigen
Weg zu sein. Und wird durch die Krankheit nur auf weitere
Aspekte aufmerksam gemacht, die latent schon immer da waren.

Wir kennen uns hier alle nicht, das stimmt, und bleiben daher auf einer
unverbindlichen Ebene. Meine Worte an dieser STelle und zu anderen Themen
sind daher "ohne Gewähr", meinen sie das?

Das ist wohl richtig, dennoch haben auch hier geschriebene, offen geäußerte
Worte eine starke Aussage und Kraft.

Ich freue mich, hier gelegentlich etwas beitragen zu können,
und wünsche Ihnen allen "himmlischen" Segen auf all Ihren Wegen!

Freundliche Grüße
Ernst
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Re: Respekt Herr Schlingensief

Beitragvon Freddy » 12 Jul 2009 18:48

Guten Abend Birgit, Ernst, Anne und Simone,
und servus Christoph!

um es mit thomas d. zu sagen:

"Auf allen deinen Lebenswegen

leb des Lebens wegen"

Das ist u.a. unserer aller Aufgabe, gell?

Liebe Grüße
Freddy
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Re: Respekt Herr Schlingensief

Beitragvon Birgit O. » 13 Jul 2009 14:48

Also ich lebe nicht nur des Lebens wegen :-), und lass mir durch meine Geburt doch nicht einfach irgendwelche Aufgaben aufdrücken. Zumindest heute nicht mehr.

Das kann, sollte und darf aber jeder gerne für sich entscheiden.

Nur weil ich krank bin werde ich auch nicht die Klappe halten, zumindest jetzt nicht mehr, weil mich das alles wütend macht. (rein verbal)

Freue mich auf provozierende und respektvolle Konversation.

Grüßchen,
Birgit O.
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Re: Respekt Herr Schlingensief

Beitragvon Freddy » 13 Jul 2009 16:43

Potzblitz Sakrament, Birgit,

du bist ja mächtig in Fahrt...

Wer hatte dir denn gesagt, du sollst die "Klappe halten"?
Bestimmt irgendein damischer Hanswurscht, da würd ich mich
auch nicht drum kümmern, gell.

Aber obs dir wirklich an Gefallen tust, wenns alles "kaputtmachst",
das weiß ich ja net.

Am besten ist immer noch der dran, der sich nicht ärgern lässt, weil
er kapiert hat, dass die andern noch nicht so weit sind, und gar nicht
anders können, als Blödsinn machen.

Halt dich wacker,
LG Freddy
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Re: Respekt Herr Schlingensief

Beitragvon Ernst » 14 Jul 2009 08:58

Guten Morgen Birgit,

Sie sagten, das alles (?) mache Sie wütend.
Wut entsteht aber immer im Menschen selber, er erlaubt
ihr, sich zu entfalten.
Dies ist in erster Linie zerstörerisch für denjenigen, der
seine Wut wüten lässt. Im biochemischen Gleichgewicht,
auf dem Weg der Neurotransmitter und Nervenzellen tobt
bei Wut ein Krieg.
Von zuviel Adrenalin mal ganz zu schweigen.
Mit dieser Wut lernen, umzugehen, sie schon beim Entstehen
durch Einsicht zu mildern (umarmen kann ich sie auch nicht),
das kommt Ihrer Gesundheit zugute.
Ich habe jedenfalls diese Erfahrung am eigenen Leib gemacht.
Die Entscheidung, sich auf diese neue Denkweise einzulassen,
liegt natürlich - wie immer - bei jedem selber.

In meinem Kommentar zum "Inneren Krieger", auch in diesem
Forum finden sie einige Seiten aus einem Buch, die sich mit
konstruktivem Kampf und Umgang mit Wut beschäftigen.
Daher möchte ich mich nicht wiederholen.

Freundliche Grüße
Ernst
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Re: Respekt Herr Schlingensief

Beitragvon Birgit O. » 14 Jul 2009 18:21

Und in Afrika ist Muttertag ;-)!!!
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Re: Respekt Herr Schlingensief

Beitragvon Dietmar » 18 Jul 2009 22:03

Bitte weiß wer einen Wiederholungstermin?
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